SELBSTAUSLÖSER (FRANKREICH)

Aus Frankreich gibt es einige sehr originelle Selbstauslöser, die das Geburtsland der Photo­graphie eindrucksvoll repräsentieren. Möchte man welche davon im Original sehen, lassen sich bei einem Besuch des Musée Français de la Photographie in Biévres ein H. G. Autophotographe Model Simple, zwei Modelle des Le Cunctator und einen L'Operator entdecken.

1900: MICHELIN & CIE. 'AUTODÉCLENCHEUR'

Aus der ersten Schaffensphase von André und Edouard Michelin stammt diese Art Luftpumpe. Die beiden Herren erbten 1889 eine kleine Fabrik zur Herstellung von landwirtschaftlichen Maschinen und Pumpen sowie das Verfahren zur Vulkanisierung von Kautschuk. Sie gründeten die Michelin & Cie. und wurden neben technischen Innovationen rund um den Werkstoff Gummi vor allem durch die Entwicklung von Autoreifen erfolgreich. Ihr Patent von 1891 für den demontierbaren Reifen stellt den Beginn der industriellen Ära des Luftreifens dar.

Die Funktion ihres Selbstauslösers ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Zum Spannen wird der gefederte Stempel aus dem Zylinder gezogen und am Haken mit einem Zelluloidring an dem Galgen fixiert. Dann wird eine Zündschnur durch das kleine Loch am unteren Ende des Galgens gefädelt und durch den Zelluloid­ring gezogen. Nach Abbrennen der Zündschnur und des Zelluloid­rings erzeugt der Kolben den für die Auslösung erforderlichen Luftdruck. Durch den seit­lichen verstellbaren Galgen lässt sich der Hubraum und damit die Belichtungszeit variieren.

1905: HENRI GRAVILLON 'H.G. AUTOPHOTOGRAPHE'

Der Autophotographe wurde gleich in zwei Ausführungen angeboten: Model Simple und Model Universel. Beide besitzen einen zweiten Zylinder für eine definierte Vorlauf­zeit und Einstellmöglichkeiten der Belichtungszeit. In Verbindung der verstellbaren Größe eines Luftaustrittlochs mit der wählbaren Höhe der linken Schubstange sind Zeiten von 1/5 bis 20 Sekunden einstellbar. Das zweite Modell besitzt an der rechten Schubstange zusätzlich einen Zapfen zur Regulierung der Vorlaufzeit.

Sehr hübsch ist auch die Signalkelle, die kurz vor der Auslösung empor springt. Selbst an einen Haken für die Befestigung an ein Stativ wurde gedacht.

Mit einer Seriennummer bis etwa 300 waren diese hand­gefertigten Schwergewichte (325g, bzw. 415g) sicherlich sehr exklusiv. Angeblich besaß Pablo Picasso einen Autophotographe als Hilfmittel vieler seiner Selbstportraits, die er bis 1910 in seinem Pariser Atelier aufnahm (siehe Anne Baldassari 'Picasso and Photography: The Dark Mirror' 1997, Seite 16).

1910: JULES RICHARD 'LE CUNCTATOR'

Im Jahre 1910 konstruierte Jules Richard für seine Stereokameras 'Verascope' einen speziellen Selbst­auslöser namens Le Cunctator (lat.: Der Zögerer). Ihm folgten noch drei weitere Modelle, die bis 1931 erfolg­reich verkauft wurden.
Alle vier Modelle haben ein Gehäuse aus geschwärztem Messing und wiegen etwa 150 g. Beim Ablauf des Uhrwerks ticken sie wie eine Kuckucksuhr und haben zwei Signalfelder, die wie Buchseiten aufklappen und den Verlauf der Belichtung anzeigen.

Das hier abgebildete Modell ist das erste und seltenste. Seine Seriennummer bewegt sich im dreistelligen Bereich. Der Anschluss ist nur für die Verascope Typ 24 und 25 geeignet. Abgelöst wurde bereits ein Jahr später durch ein Modell, das über einen universellen Anschluss verfügte. Die Bezeichnung der Modelle 1, 2 und 3 ergab sich 1913 bei Einführung des Le Cunctator als Zeitauslöser mit bis zu 30, bzw. 60 Sekunden.

1914: PHOTO-SPORT 'L'OPERATOR'

(Abbildung wird noch gegen richtiges Foto ersetzt)
(Abbildung wird noch gegen richtiges Foto ersetzt)

Wenn jemand mit einem Klammerbeutel im Hobbykeller verschwindet, um Kamerazubehör zu entwickeln, verschwindet oft auch die Grenze zwischen Vernunft und Beklopptheit. In diesem glücklichen Fall kam ein einfacher und sehr preiswerter Selbst­auslöser namens L'Operator ans Licht, der exklusiv von Photo-Sport, einem Pariser Fachgeschäft für Fotografie, für nur 1.50 FF verkauft werden konnte. Der Kunde erhielt dafür eine angesägte und aufgebohrte Holzwäscheklammer, die mit bunten Celluloidstreifen bedient wurde und in Aktion einen eingespannten Drahtauslöser zusammendrückte.

1916: JEANNERET & CIE. 'RETARDATEUR POUR MONOBLOC'

Die französische Kamera 'Monobloc' hat ein eingebautes Magazin für 6x13cm-Glasplatten und diente für Aufnahme stereoskopischer, aber auch panoramischer Bilder. Außerdem besitzt die 'Monobloc' ein spezielles Gewinde, auf das ein eigens angebotener Selbstauslöser aufgeschraubt werden kann. Er ist 11 cm lang und hat eine pneumatische Hemmung. Zum Spannen zieht man den kleinen Hebel nach oben und kann ihn dort durch eine kleine Drehung wie einen Bajonettanschluss arretieren. Dreht man jetzt noch am Kopfrad, lassen sich durch veränderte Luftzufuhr verschiedene Ablaufzeiten wählen.

1928: FERNAND DANCET 'FERDAX'

Die Ähnlichkeit des französischem Ferdax mit dem deutschen Autoknips ist nicht zufällig. Im Jahre 1928 ließ sich Firmengründer Fernand Dancet in Scionzier noch von Franz Morat beliefern, doch produzierte er bald selbst einen Nachbau des Autoknips und verkaufte ihn unter dem Namen Ferdax. Als im April 1932 das Patent für den Autoknips auslief, meldete er seinen Nachbau sogar als eigenes Patent an. Möglich war dies durch eine Besonderheit des französischen Patentrechts. Das Breveté S.G.D.G. (Breveté sans garantie du gouvernement) gestattete damals noch Patente ohne vorherige Prüfung ohne Garantie auf Funktion, Neuheit und Verdienst auf die Erfindung.

Bei beiden Modellen des Ferdax konnten Großabnehmer einen eigenen Namen anbringen lassen (z. B. Autotimer, Dul-Pen, Errtee, Santor).

1946: PHOTOREX 'REX'

Sehr elegant waren die patentierten Selbstauslöser der Serie Rex der französischen Photorex. Die stift­förmigen Uhrwerksauslöser gab es kupfer- und aluminiumfarben jeweils mit Compur- oder Leica-Anschluss. Zum Spannen reichte ein einfaches Hochziehen des Kopfteils. Bei Nichtgebrauch konnten sie durch den Kugelschreiberclip z. B. in der Hemdentasche getragen werden.

Die Société Francaise Photorex wurde 1944 von André Grange in St. Étienne als Kamera­handel gegründet. Die Produktion eigener Kameras erfolgte 1949, drei Jahre später der Konkurs.

1950: RENÉ BOUMSELL 'MAJOR'

Bei den Etablissements René Boumsell in Paris gab es preiswerte wie praktische Haushaltswaren aller Art. Darunter fanden sich auch einige Kameras einfacher Bauart mit den Namen Azur, Longchamp, Auteuil oder Photo-Magic. Ein passender Selbstauslöser war unter dem Namen Major erhältlich.

1954: GITZO 'AUTO-RETARDATEUR'

Die Firma Gitzo wurde im Jahre 1917 von Arsène Gitzhoven gegründet und produzierte anfangs Kameras, Drahtauslöser und Kameraverschlüsse. 1954 erweitere Gitzo ihr Sortiment durch einen patentierten Selbstauslöser, der fast vierzig Jahre lang erfolgreich hergestellt wurde. Diesen kann man wie eine Spritze aufziehen und direkt auf den Kameraverschluss aufschrauben.

Im Laufe der Jahre gab es neben dem Modell Junior und Standard auch Sonderausführungen für Kodak, Foca, Rollei, Korelle, Gaumont, Leica und Polaroid. Gitzo wurde 1992 Teil der Vitec Gruppe und stellte kurz darauf die Produktion von Selbstauslösern ein. Heute ist Gitzo vor allem durch ihre hochwertigen Stative bekannt.

letzte Änderung: 22.07.16