SELBSTAUSLÖSER (USA)

US-amerikanische Selbstauslöser mögen auf den ersten Blick wenig spannend erscheinen, da es sich meist um Importe aus Europa und Japan handelt. Es gibt jedoch vor allem im Bereich der urwerkslosen Techniken landeseigene Entwicklungen, die jedes Sammlerherz erfreuen.

1900: ANDREW J. LLOYD 'THE LLOYD AUTOMATIC SHUTTER RELEASE'

Dieser kleine Recke stammt von Lloyd aus Boston. Der nur 45 mm hohe Zylinder mit einer sehr kräftigen Sprungfeder kann problemlos an einem Verschluss herunter hängen und über eine Zündschnur ausgelöst werden. Er sollte mit einem Preis von $1.00 eine preiswerte Alternative zu teurer Schlauchverlängerung sein. Dazu gab es 20 Zündschnüre sowie eine ausführliche Gebrauchsanweisung.

Die Firma Andrew J. Lloyd & Co. wurde im Jahre 1870 gegründet und brachte es bis zum Jahrhundertwende mit ihrem Katalog 'Photographic Encyclopedia' auf satte 400 Seiten voll mit Kameras und fotografischem Zubehör. Den Selbstauslöser entwickelte Benjamin A. Slocum (1873-1965), Student der American School (Chicago, IL), Armour Institute of Technology.

1901: ROBERT FARIES 'AUTOPOZE'

Aus Illinois gab es 1901 in den USA einen einfachen und kompakten hydraulischen Selbstauslöser namens Autopoze. Bei ihm konnte man sowie die Vorlaufzeit als auch die und Belichtungszeiten einstellen. Seine Werbung schmeckte nach Freiheit und Abenteuer, auch wenn nicht einmal eine Zündschnur rauchen musste: "Be your own life in the landscape, horseman, bicycler, fisherman, hunter, shepherd, or what not. Take an Autopoze with you on your outing and bring back evidence that you were there."

Wie der Michelin stammt auch der Autopoze von einer Luftpumpe für demontierbare Reifen ab. Das Hauptgeschäft von Robert Faries (1837-1919) war die Herstellung und der Vertrieb von Fahrrädern und Zubehör.

1907: MULHOLLAN 'AUTOMATIC CAMERA BUTTON PUSHER'

William E. Mulhollan (1864-1927) aus Juneau in Alaska entwickelte bereits 1902 ein Uhrwerk, das neben der Steuerung der Belichtungszeit auch Selbstaufnahmen erlaubte. Aufgrund der vielen verschiedenen Kameratypen erlangte sein patentierte Erfindung jedoch erst 1907 die Marktreife. Mit drei unterschiedlichen Ausführungen konnte sein Automatic Camera Button Pusher schließlich bei den meisten Kameras nach einer festen Vorlaufzeit eine einstellbare Belichtungszeit von bis zu ½ Stunde bewirken. Am Ende der Aufnahme klingt sogar ein Glöckchen.

1910: SIEGMUND ROESNER 'AUTOTAKE'

Mit “Photograph yourself - automatically in scenes and groups” präsentierte die R. & S. Manufacturing Co. aus Chicago diese 200 g schwere Luftpumpenkonstruktion. Die kurz vor der Auslösung hochklappende Signal­scheibe 'TARGET' sorgte dabei für einen vorab bekannten Auslösemoment.

Firmengründer und Entwickler Siegmund Roesner (1882-1969) war neben der Fotografie auch in anderen Bereichen kreativ – von der Diebstahlssicherung von Brieftaschen bis hin zur patentierten Rattenfalle.

1912: CARL WEBER 'PHOTOPERFECT'

Der Photoperfect basierte auf dem Prinzip einer Eieruhr, bei der feinkörniger Sand von der oberen zur unteren Kammer rieselt und damit ein erschütterungsfreies Zusammen­drücken eines Drahtauslösers bewirkte. Durch das Herumschwenken des Sandbehälters um eine mittlere Drehachse konnte der Photoperfect sofort wieder betriebsbereit gemacht werden.

Der Photoperfect stammt eigentlich aus Deutschland von Carl Weber (1891-1943), war aber bereits bei seiner Namensgebung und durch ein US-Patent auch für den US-amerikanischen Markt vorgesehen. Den Vertrieb hatte die Herbert & Huesgen New Ideas Mfg. Co. in New York City.

 

1914: BENJAMIN L. SIMPSON 'I'M-IN-IT'

Der I'M-IN-IT funktioniert über Gravitation. Statt wie üblich eine Uhrenfeder zu spannen, wird hier die benötigte Kraft aus potentieller Energie gewonnen.
Ein mit einem schweren Schwungrad bestückter Metallklotz rutscht dabei langsam eine Zahnstange herab, die am Laufboden der Kamera festgeklemmt, um schließlich den Auslösehebel umzukippen.

Entwickler dieser hübschen Idee war Benjamin L. Simpson (1867-1953), ein Lehrer aus Kansas City, Missouri. Bei Kaufinteresse sollte man laut Inserat seinen Fotohändler vor Ort ansprechen oder gegen $1.75 Vorkasse direkt bestellen.

1915: EDGAR E. WEBSTER 'WAIT-A-MINUTE'

Der Wait-a-Minute ist ein sehr kompaktes Gerät mit einer Gesamtlänge von 9 cm und funktioniert ähnlich dem Prinzip eines pneumatischen Türschließers. Zum Spannen drückt man einen gefederten Kolben bis zum Anschlag herunter und spannt dann einen Drahtauslöser an das obere Ende. Der Kolben bewegt sich nun langsam in seine Ausgangsstellung zurück und drückt damit den Drahtauslöser zusammen. Die Laufzeit kann durch ein Ventil reguliert werden.

Entwickler des Wait-a-Minute war der Mechaniker Edgar E. Webster II. (1882-1958) aus Chicago. Den Vertrieb übernahmen unter anderem Burke & James sowie die Seneca Camera Mfg. Co.

1916: HARRY C. ATWOOD 'THE PHOTOTAKER'

“Just What You Have Been Looking For!” bewarb Harry C. Atwood (1882-1937) seine patentierte Konstruktion, "Not merely a ‘shutter tripper,’ but an automatic operator". Tatsächlich war The Phototaker als Uhrwerks-Selbstauslöser den damaligen Techniken überlegen, hatte er doch eine konstante Vorlaufzeit, einen Signalgeber und die Möglichkeit, ihn als Zeit- oder als Momentauslöser zu verwenden.

Ein wirtschaftlicher Erfolg stellte sich jedoch nicht ein. Atwoods weitere Patente beinhalteten unter anderem Reifenflickzeug und verschiedene Arten von Nussknackern.

1917: EASTMAN 'KODAK SELF TIMER'

Der Klassiker unter den US-amerikanischen Selbst­auslösern wurde der Kodak Self Timer. Er besitzt einen gefederten Stempel, der langsam einen eingespannten Drahtauslöser zusammen drückt. Die Vorlaufzeit kann durch Drehen einer am Boden befindlichen Rändel­scheibe reguliert werden.
Die Abbildung zeigt einen Kodak Self Timer in seiner ursprünglichsten Form: rundum vernickelt und mit der Prägung 'PATENT APPLIED FOR'. Nachfolgende Geräte sind schwarz lackiert und tragen ein 'PATENTED IN U.S.A. FEB.12.1918' oder schlicht ein 'MADE IN U.S.A'.

1918: BENJAMIN A. SLOCUM 'AUTOSNAP'

Nach den Elementen Feuer, Luft und Erde (Sand) kam nun auch noch das vierte Grundelement zur Verschlussauslösung zum Einsatz: Wasser!

Der Autosnap besitzt hierfür einen zylinderförmigen, mit Wasser gefüllten Behälter und einen daraus ragenden feuchten Docht aus Baumwolle. Vor der Auslösung wird der Spannhebel nur mit ein Stück Fließ­papier gehalten, was durch die Feuchtigkeit des Dochts langsam an Stabilität verliert. Nach etwa 15 bis 20 Sekunden zerreißt das Fließ­papier und gibt die Federung zum Zusammendrücken des Draht­auslösers frei. Nach Angaben des Herstellers ist diese Technik garantiert zuverlässig und "so simple a child can operate it”.

Entwickler des Autosnap war Benjamin A. Slocum (1873-1965), der bereits den Lloyd Automatic Shutter Release konstruierte und nun in Rochester tätig war. Neben dem hier abgebildeten Standard­modell für Drahtauslöser gab es auch eine spezielle Ausführung für die Kamera 'Eastman Vest Pocket‘, jedoch zeigte Eastman Kodak kein Interesse. Slocum fand schließlich mit der Seneca Camera Mfg. Co. einen geeigneten Vertriebspartner.

1924: HAKA 'AUTO-SNAP', 'AUTOCLICK', 'AUTOKNIPS'

Der Haka Autoknips erreichte die USA. Oder besser: Der Autoknip, bzw. viele Autoknips. Um Barrieren zu umgehen, benannte Heinrich Klapprott seinen Export daher anfangs Auto-Snap. Sprachlich eine gute, rechtlich eine weniger gute Idee (siehe Slocum Autosnap). Die nächste Lieferung nach Übersee wurde deshalb Haka Autoclick genannt. Letzten Endes kamen Klapprotts kleine Racker auch mit ihrem deutschen Namen gut an, erfüllten sie doch einfach und zuverlässig ihre Aufgabe.

Vom Haka Auto-Snap wie vom Haka Autoclick gab es jeweils zwei Modelle analog der Haka Autoknips: Mod. I als Momentauslöser und Mod. II als Zeitauslöser.

1936: E. LEITZ N.Y. 'DIRON'

Unter dem Codewort DIRON konnte man 1936 bei E. Leitz, New York einen Selbstauslöser kaufen. Zu ihm existieren heute noch einige Hinweise, jedoch keine verwertbaren Abbildungen. Um den Mythos nicht zu zerstören, möchte ich auch hier darauf verzichten. Jedoch ein kleiner Tip für Insider: Es gab auch einen DIROM...

1946: PEAK SELF TIMER

Der erste Nachbau des Weberschen Direkt kam aus New York City. Bei diesem etwas klobigen Selbstauslöser drückt man zum Spannen den Auslösestift an einem harten Untergrund hinein und kann ihn mittels seitlicher Schraube in dieser Position halten, bis man den Selbstauslöser an der Kamera befestigt hat.

Die Peak Photo-Products entwickelte Kamerazubehör aller Art, hauptsächlich Blitzlichter. Heute stellen sie vor allem Lupen her.

1947: ERNO SELFTIMER

Denkt man an Schweizer Uhrwerke, denkt man an Präzision in höchster Vollendung. Ganz anders die Erno Selbstauslöser. Selbst im gereinigten und frisch geölten Zustand geben sie beim Ablaufen statt einem sanften Schnurren nur ein gequältes Rasseln von sich. Grund genug, den Verkauf nicht in Europa, sondern ganz weit weg, nämlich im den USA, stattgefunden lassen zu haben. Lediglich die Prägung "Swiss Made" erinnert an das Herkunfts­land. Der Vertrieb erfolge über die Erno Photofinishing Equipment AG, Import und Export von Waren aller Art.

1948: CASPECO 'WIRGIN AUTO-CLOCK'

Einfacher verchromter Momentauslöser aus New York City, ähnlich einem Autoknips I.

Die Wiesbadener Wirgin Kamerawerke wurden 1920 von den Brüdern Wolf, Joseph, Heinrich und Max Wirgin jüdischer Herkunft gegründet. 1936 floh Max Wirgin (1901-1974) nach New York City und gründete dort 1940 die Camera Specialty Company (Caspeco) für den Verkauf verschiedener Produktlinien. Seit 1946 trugen einige seiner eigenen Produkte auch wieder den Namen Wirgin.

1948: BACO 'TIME-D-LAY'

Nicht jede Karriere in Hollywood führt automatisch zum Erfolg. Der Time-D-Lay sah jedenfalls gut aus, sein Outfit entsprach dem damals modernen Stil und seine pneumatische Technik dem bislang sehr erfolgreichen Kodak Self Timer.
Die obere Kappe lässt sich dabei abschrauben und mit einem Drahtauslöser versehen. Danach kann man den Selbstauslöser durch Herunterdrücken der beiden roten Hebel spannen und hat nun einige Sekunden, um bis zur Auslösung vor die Kamera zu springen.

1949: BURKE & JAMES 'PHOTOCLIP'

Dieser Photoclip wurde speziell für den amerikanischen Markt produziert und exklusiv von Burke & James in Chicago vertrieben. Er trägt die Bezeichnung 'Photoclip C', wobei der Unterschied zum europäischen Modell A in den zusätzlichen Gravuren besteht. Mit 'WIND' und 'Release' wird es dem US-Amerikaner leicht gemacht, das Gerät als Selbstauslöser zu benutzen. Die zweite Anwendung ergibt sich aus den Zahlen 15, 30, 45 und 60, die sich auf der beim Ablaufen bewegten Greiferschiene befinden. Sie ermöglichen das genaue Timing bei der Entwicklung von Polaroid-Fotos.

Ein weiteres Modell von Burke & James war der Photoclip D zum direkten Anschrauben an die Kamera, der gleich in drei Ausführungen angeboten wurde: Compur, Rollei und Leica.

1950: KODAK 'AUTO-RELEASE'

Nachdem der hydraulische Kodak Self Timer über 30 Jahre lang erfolgreich verkauft wurde, brachte Kodak einen neuen Selbstauslöser auf den Markt: den patentierten Kodak Auto-Release. Sein leichtes Alugehäuse beinhaltet ein Uhrwerk, das zunächst für die Vorlaufzeit langsam, kurz vor der Auslösung aber kräftig und schnell abläuft. Weiterhin kann der Drahtauslöser direkt am Greifarm festgeklemmt werden, sodass nichts wackelt. Und schließlich garantiert das laute Ablaufgeräusch die Aufmerksamkeit in Richtung Kamera.

1951: PRACO 'SERVICE'

Noch ein hydraulischer Selbstauslöser nach dem Prinzip des Weberschen Direkt. Der Service wurde als garantiert rostfreies Präzisions­instrument mit lebenslanger Zuverlässigkeit angeboten. Tatsächlich scheint diese nur zehn Gramm leichte Konstruktion unverwüstlich und passt durch seine schlanke Form an alle Kamera­verschlüsse mit Compur-Gewinde.

Die Praco Photo Products Co. aus New York City vertrieb in den 50er Jahren Photozubehör unter der Eigenmarke Service.

1951: KSS 'KOPIL'

Mit dem  Ende der alliierten Besetzung Japans entwickelten sich zahlreiche neue Geschäftsbeziehungen. Erfolgreichster Selbstauslöser wurde der Kopil der Firma Kobayashi Seiki Seisakujo Co. (KSS), dessen exklusiver Import durch die 'Photographic Importing and Distributing Corporation, New York, N.Y.' erfolgte.

Schon nach wenigen Jahren war der Kopil "The Most Popular Delayed-Action Self-Timer“ und wurde in verschiedenen Modellen für fast jede gängige Kamera angeboten.

(siehe auch Themenseite Kopil)

1954: ALPEX SELF TIMER

Auch andere Firmen importierten Selbstauslöser aus Japan und konnten meist ihren eigenen Namen anbringen lassen. Größter Abnehmer hierbei wurde die Allied Impex Co. mit ihrer Eigenmarke Alpex.

Charakteristisch für diese Selbstauslöser ist einen großen, rot lackierten Signalpunkt, während sich Form und Ausführung des restlichen Gerätes durchaus variiete. (siehe auch Themenseite Alpex)

1960: BOWER 'FOR POLAROID'

Was bei herkömmlichen Kameras eine Beschädigung hervorrufen würde, wurde mit den neuartigen Sofortbildkameras eine Notwendigkeit: Einen sehr kräftiger Auslösehub. Die Saul Bower Inc. stand hier Pate, erstmals entsprechende Selbstauslöser aus Japan zu bestellen.

Wie beim Alpex zeigt sich der Signalpunkt als markantestes Element. Spätere Ausführungen besitzen einen zweistufigen Aufzug mit der Bezeichnung ‘G‘ für generell und ‘P‘ für Polaroid. (siehe auch Themenseite Polaroid)

1963: POLAROID SELF TIMER

1963 stellte Polaroid mit den Packfilmen der 100er-Serie zum ersten Mal auch einen Sofortbild-Farbfilm vor, sowie den Polaroid Self Timer #192 für die entsprechenden Polaroid Color Pack Cameras.

Weitere original Polaroid Self Timer folgten: #132 für Polaroid SX 70 (1972), #2211 für Polaroid Pronto! (1977) und #2326 für Polaroid Land Camera Mod. 1000, 1500, 2000 und 3000 (1977). (siehe auch Themenseite Polaroid)

2003: JOY INNOVATIONS 'PICTURE YOURSELF'

www.joyinnovations.com
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Nachdem man schon glaubte, das Thema mechanische Selbst­auslöser hätte sich im 21. Jahrhundert endgültig erledigt, sollte in Kalifornien ein alter Trend zu neuem Leben erwachen: Die Selbst­fotografie!

Die Firma Joy Innovations brachte für US$ 9,95 eine Möglichkeit auf den Markt, sich auch mit einer Einwegkamera fotografieren zu können. Der ‘Picture Yourself‘ bestand aus einer Selbstauslöse­einheit ("requires no batteries"), einer Grundplatte mit Stativ sowie einem breiten Band, das alles mit der Kamera verband ("Camera not included“).

Es folgte noch das Handystativ ‘Cellpod‘, doch der Erfolg blieb aus. Als ein Jahrzehnt später die Selfie-Welle durch’s ganze Land tobte, war der Gadgets-Anbieter Joy Innovations bereits Geschichte. Letzte Exemplare ihrer Produkte gingen bei Resterampen für einen Dollar über den Tisch.

letzte Änderung: 08.04.16